Eine Geschichte, die in einem Wettbewerb nicht gewonnen hat, darum veröffentliche ich sie jetzt hier.
Donaublick
„Wo is’n der Hansi schon wieder?“, hörte er Barbara draußen rufen, während er damit beschäftigt war wie wild auf diverse Knöpfe zu drücken „Der Kopierer funktioniert schon wieder nicht!“, brüllte er ungeduldig, wusste jedoch, dass niemand den Fehler machen würde ihm zuzuhören. „Robert!“
Er ärgerte sich zum hundertsten Mal, dass sie einen Techniker beschäftigten, der den lieben langen Tag damit zubrachte mit dem Chef um die Wette fernzusehen, während andere hier versuchten ernsthaft zu arbeiten, was sie aber nicht konnten, da ja manche Leute lieber die x-te Wiederholung von Alf zum y-ten Mal sahen, als sich mit dem Innenleben einer Kopiermaschine auseinander zu setzen. „Hansi!“, kreischte Barbara inzwischen „wo bist du? Hast du mir den Zettel vom Notar schon zurückgegeben? Hallo!!! Wo zum Teufel steckst du??!!“ „Ach leck mich doch…“, murmelte er, ließ die unkopierten Zettel liegen und ging. Barbara wachelte mit einem Papier vor seinen Augen herum. „Du, Hansi, ist das der Zettel vom Notar, oder was?“ „Klar.“, Sagte er „Was soll es denn sonst sein? Eine Faschingsgirlande vielleicht?“ Barbara seufzte übertrieben und zog davon. Als Hansi auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz am Zimmer des Chefs vorbeikam, der die Tür wie immer offen gelassen hatte, konnte er Robert ausmachen, der neben dem Chef saß und lauthals über das Scheitern von Alf’s Plan lachte. „Robert!“, rief Hansi „Der Kopierer!“ doch der Techniker ignorierte ihn. „Ich will hier raus!“, dachte er „Ich kündige, schnapp mir meine Ersparnisse von der Bank und fahr weg.“ Den restlichen Tag verbrachte er nicht damit, wie angeordnet die dreihundertseitige Adressenliste zu kopieren, sondern reiste stattdessen um die (virtuelle) Welt.
Neidisch las er den Blog eines Kolumbienreisenden, der sich eine Hormiga Culona* schmecken ließ, seufzend scrollte er durch Millionen von Fotos von Ayers Rock und dem Grand Canyon und als er einen Artikel über die religiösen Feste Südindiens las und das Foto einer über und über mit Blumen geschmückten Kuh sah, war er den Tränen nahe. „Diesmal mach ich’s wirklich“, dachte er „Diesmal geh ich einfach!“
Zuhause wartete seine Freundin Emine und er war kurz davor zu sagen: „Schatzi, pack deine Sachen zusammen, lass uns in die Türkei fahren und deine Familie besuchen!“ aber sie war schlecht gelaunt. „Is was passiert?“, fragte er am Esstisch. Da brach sie in Tränen aus. „Alles…alles ist passiert…“ „Was is denn los Schatzi?“, wollte er wissen und stand auf um sie zu umarmen. „Rausgeschmissen haben’s mich, in der Arbeit!“ „Was? Die Schweine! Aber warum haben sie dich rausgeschmissen?“ Er küsste sie sanft auf die Wange, die salzig schmeckte vor lauter Tränen. „Wir müssen leider ein paar Arbeitsplätze abbauen, haben sie gesagt. Weil sie sich das in Krisenzeiten nicht mehr leisten könnten soviele Gehälter zu bezahlen…aber ich frage nur: warum ich? Weil ich Ausländerin bin? Eine Frau? Sag mir Hansi, warum ich?“ Er drückte sie fest an sich, im Versuch sie etwas zu beruhigen, aber wenn sie sauer war, dann war sie es wirklich. „Weil die Arschlöcher sind.“, sagte er schließlich „Das hat mit dir persönlich gar nichts zu tun.“ „Was mach ich jetzt?“, fragte sie „Wer wird mich jetzt einstellen?“ Und nach einer kleinen bitteren Pause, fügte sie hinzu: „Zumindest hast du noch einen Job…es gibt ja sicher viele Leute die schlimmer dran sind als wir…“ Hansi bekam ein unangenehmes Gefühl. Es war als wäre er jetzt alleine dafür verantwortlich, dass jeden Tag was zu Essen am Tisch stand und sie nicht in löchriger Unterwäsche herumlaufen mussten. Seine Arbeit, war plötzlich von etwas unangenehmen zu etwas notwendigen geworden und dieser Gedanke machte ihm Angst. Den Rest des Abends verbrachten sie mit Fernsehen, denn Emine wollte nie die Nachrichten verpassen. Vielleicht ging es ihr darum sich als ein Teil der weiten Welt fühlen. Wieder einmal war eine große Firma bankrott gegangen und zwei andere waren von einer dritten zu einem Spottpreis aufgekauft geworden, es sah nicht gut aus. Ausländische Firmen zogen sich in ihr eigenes Land zurück und hinterließen hunderte und tausende von Arbeitslosen. Wie würde es in seinem eigenen Büro weitergehen? Würden sie die „Ineffizienten“ Arbeitskräfte feuern, oder würde das ganze Schiff zusammen untergehen?
Als Hansi am nächsten Morgen aufstand, war Emine schon aus dem Haus gegangen, um nach einem neuen Job zu suchen. Sie hatte ihm eine Käsesemmel in der Küche gelassen und einen Zettel auf dem stand: Viel Spaß in der Arbeit! Er wusste nicht ob das ironisch gemeint war, aber aß brav auf und ging. Am Weg zur Arbeit, kam er an einer Gruppe von bolivianischen Musikern vorbei, die mit ihren Flöten ziemlich schlecht die Tonbandaufnahme einer Gitarre begleiteten, und bunte Ponchos trugen. Für ein paar Minuten, blieb er wehmütig stehen und stellte sich vor er stapfte zwischen Lamas und Alpacas herum in seinem eigenen Poncho. Er schmiss noch schnell zwei Euro in den Hut, der zu diesem Zweck am Boden lag und beeilte sich in die Arbeit zu kommen. Dort erwartete ihn Barbara: „Was, du bist schon wieder unpünktlich Hansi? Was is los? Hast du den Job schon satt?“ „Was is?”, fragte er “Bist du jetzt die Chefin hier?” „Ich mach mir nur Sorgen!“, sagte sie gekränkt „Weißt eh, wir leben in harten Zeiten!“ Beim Anblick der Kopiermaschine riss ihm der Geduldsfaden. „Wo gehst du denn jetzt hin?“ „Kopieren!“, sagte er und hetzte die Stufen hinab.
Endlich fand er einen Laden auf dem stand: „Kopien, Farbe & SW“ und betrat ihn. Drinnen standen die Leute schlange. Moment mal, war das nicht der Michel von Hansi’s Büro? „Der Kopierer ist kaputt.“, sagte Michel erklärend und Hansi sah, dass er einen dicken Stapel Papiere unter dem Arm trug.
Vor Hansi stand ein älterer Herr mit einem bunten Plakat in der Hand. Er versuchte zu lesen was darauf stand und entzifferte schließlich: „Lassen Sie sich verzaubern, reisen Sie nach Thailand mit unserem einmaligen Angebot“ und darunter das Foto einer Tänzerin hinter der ein romantisch-kitschiger Sonnenuntergang gerade den Himmel bemalte. „Entschuldigung!“, tippte er dem Mann auf die Schulter „Wieviel?“ Der Herr sah etwas überrumpelt aus. „Äh…ich weiß nicht…ich bin nur zum Kopieren hier…“ War das Plakat vielleicht am Ende gar nicht aktuell und der Mann wollte sich die Zimmerwand damit tapezieren? „Auch eine Möglichkeit…“, dachte Hansi und wartete weiter.
Er kopierte die dreihundert Seiten und ließ sich die Rechnung geben um sie dem Chef zu zeigen. Als er in’s Büro zurückkam, stritt dieser gerade mit Robert darüber, ob Alf nun für Alfred, oder für „alien life form“ stand. Ohne zu fragen, gab er Hansi das Geld, froh sofort weiterdiskutieren zu können. „Wo warst denn solange?“, wollte Barbara wissen und starrte misstrauisch auf Hansi’s Geldschein. „Am selben Ort wie der Michel.“ „Was, im Buff?!“, fragte sie erregt. „Na nicht dort, du Depp: im Copyshop!“ Das mit dem Buff war schon verjährt und interessierte niemanden mehr, außer Barbara, anscheinend. Sie seufzte. „Ich will ja nix sagen, aber der Robert scheint mir doch eher ein inkompetenter Typ zu sein…“ Für einen Moment schien sie fast vertraulich, zu vertraulich für Hansi’s Geschmack. „Aber wie sagen die Amerikaner? Life goes on!“, sagte sie, mit ihrem provinziellen Akzent. „Ich hab gedacht du warst in Amerika.“, meinte Hansi „Was hast dort gemacht anstatt Englisch zu lernen?“ „Gekifft.“ Sie kicherte. „Das waren ja die Siebziger, weißt du?“ „Na super.“, meinte er zynisch und ging wieder zu seinem Schreibtisch. Heimlich beneidete er sie aber um ihre transatlantische Jugendreise und hätte sogar die Kifferei in Kauf genommen (obwohl er Nichtraucher war) nur um hier mal raus zu kommen. Vielleicht könnte ihm Emine’s Bruder einen Job in der Türkei besorgen, vielleicht sogar in dessen Textilfabrik. Selbst Fließbandsarbeit erschien ihm besser als sein momentanes Leben, wenn man dann nach der Arbeit nachhause gehen konnte ohne an den selben faden Orten und Gesichtern vorbeizukommen. Über fremde Straßen und Gassen wollte er schreiten, getränkt mit einer Geschichte, die er in seiner Schule nicht gelernt hatte. Ach! In einem Land zu sein wo Kühe oder Esel im Schatten der Stadtmauern grasen, oder wo man vom Wohnzimmer aus die Paradiesvögel singen hört und nicht das Geschrei eines Betrunkenen, der seine Exfreundin bedroht, oder das Gekeife irgendeiner bitteren alten Oma, die sich über fußballspielende Kinder im Hof beschwert.
Auf dem Nachhauseweg legte er sich Sätze zurecht, mit denen er Emine überzeugen wollte. „Schatzi, du wolltest doch immer, dass wir mal spontan was miteinander machen!“, oder: „Wielange hast du jetzt eigentlich deinen Vater nicht gesehen?“ Doch als er die Tür öffnete war sie gerade damit beschäftigt Bananenkartons mit ihren Habseligkeiten zu füllen. „Was ist los?“, fragte er erschrocken. „Ich zieh aus.“, sagte sie und sah zu Boden. „Mach dir keine Sorgen, es ist nur für kurze Zeit…ich fühl mich einfach nicht gut, wenn ich hier so auf deine Kosten leb.“ „Aber Schatzi, Emine, was soll denn das? Ich hab dich doch lieb, da is mir doch das Geld ganz egal, hauptsache ich kann bei dir sein!“ Sie weinte ein bisschen und er dachte, dass sie das wahrscheinlich schon den ganzen Tag getan hatte. „Ich zieh zu meiner Schwester einstweilen, ich hab dir ihre Telefonnummer und Adresse aufgeschrieben.“, sagte sie unter Tränen. „Ruf mich mal an!“ Sie versicherte ihm, dass sie zurückkommen würde, sobald sie einen Job gefunden hatte. Dann drückte sie ihm einen Kuss auf die Lippen und meinte sie werde die Kisten bald abholen und ihm den Schlüssel dalassen. „Behalte doch zumindest den Schlüssel!“, bat er, doch sie schüttelte müde den Kopf und war schon verschwunden. Aus der Wohnung? Aus Hansi’s Leben? Er stand so unter Schock, dass er gar nichts fühlte, er hatte es ja noch nicht einmal richtig verstanden. Hatte sie ihn verlassen, oder nur seine Wohnung? Abwesend betrat er die Küche und öffnete den Kühlschrank, in dem ein Teller von Emine’s Hausgemachten Baklavas stand, mit Alufolie zugedeckt. Darüber lag ein kleiner Zettel mit der Aufschrift: „Lieber Hansi, bitte iss sie nicht alle auf einmal, denk an deinen Magen. Ich hab dich lieb. Pass auf dich auf! Emine.“ Sie hatte wohl den ganzen Tag in der Küche gestanden um ihm noch ein letztes Mal diese Leckerei zubereiten zu können. Ein letztes Mal? Er aß sie alle noch am selben Tag und drehte den Fernseher auf im Versuch sich in die australischen Aborigines, chinesichen Töpfer und all die anderen Leute im Fernsehen zu versetzen, aber er fühlte sich als zöge die Schwerkraft ihn so richtig in die Couch hinein, woran die Baklavas vielleicht nicht unbeteiligt waren.
Am nächsten Tag erwischte es ihn mit voller Wucht: seine geliebte Emine war von ihm gegangen. Sah er es daran, dass die Klobrille, die er zum Pinkeln immer hochklappte, noch immer in derselben Position verharrte, in der er sie belassen hatte? War es der abscheuliche Geschmack seines Kaffees? Nein, es war etwas das tiefer lag, in ihm drinnen und all diese Kleinigkeiten waren wie Salz in dieser Wunde.
Als er die Post hereinholte und die, an Emine adressierte, Zeitung las, weinte er und spuckte den grauslichen Kaffee auf die Zeitung. „Vielleicht ist das ja meine Chance!“, dachte er endlich „Vielleicht ist das alles ein Zeichen!“ Und er wühlte durch Reiseprospekte und malte sich aus, dass er auf den Malediven/ in Kanada/ in Bangladesh stünde und diese fremde Nummer wählen würde und Emine von seinen Abenteuern erzählen könnte und sie kurzerhand zu ihm fliegen würde, da er ihren Abenteuergeist geweckt hatte und dann würden sie einfach nur die Welt bereisen und aus Kürbisen trinken und auf Elefanten reiten und in den Gräsern Irlands liegen um sich die Wolken anzusehen, die dort wohl auch hübscher waren, als hier. Er selbst war ja noch nie weiter als Tirol gekommen und sogar das war Jahre her, doch immer schon hatten ihn fremde Kulturen und unbekannte Landschaften fasziniert. Weil er sich eh nicht entscheiden konnte, schloss er die Augen, mischte die ganzen Broschüren durcheinander und wählte blind eine Seite. „Kolumbien!“, sagte er und musste an den Blog mit den essbaren Ameisen denken. Er war jetzt fest entschlossen und fühlte sich etwas besser. Den Rest des Wochenendes brachte er damit zu seine Reiseroute zu planen. Erst würde er nach Bogotá fliegen und sich das Goldmuseum ansehen. Danach wollte er an die Küste, nach Cartagena, zum Baden. Er informierte sich über Impfungen und Ticketpreise und sah sich nebenbei tausende Fotos an.
Am Montag ging er gutgelaunt zu Arbeit und wollte gerade seine Entscheidung bekanntgeben, da kam ihm sein Chef aufgeregt entgegen. „Wir müssen ein paar Änderungen in unserem Betrieb vornehmen!“, sagte er. „Unser Team hat sich verkleinert…“ „Was ist passiert?“, wollte Hansi wissen.
„Falls wir nicht in diesem Jahr wirklich was weiterbringen, drehen die uns im Ministerium den Geldhahn zu…es gibt da so Gerüchte, dass die uns sowieso nicht mögen…und es gibt jetzt einfach kein Geld mehr für Nichtstuer wie Robert, Barbara und Michel…“ „Alle drei sind weg?!“ „Ja, weg, gefeuert sind sie!“ „Aber warum denn der Michel? Ich hab ihn doch letztens noch fleißig kopieren gesehen!“„Das war kein Arbeitsmaterial.“ „Was???“ „Das war Porno, Hansi, Porno, verstehst du??!“ „Was? All diese Seiten?!“ Der Boss nickte. „Aber lassen wir die Vergangenheit hinter uns, Hansi, ich habe auch eine gute Neuigkeit und zwar bist du von heute an mein Stellvertreter!“ „Was?“ „Ja, ernsthaft, ich hab dich schon lange beobachtet und finde, dass du hier im Büro der bist, der am aller gewissenhaftesten arbeitet und das sollte belohnt werden…außerdem hab ich meinen alten Stellvertreter gefeuert…“ „Den auch?“ „Ja.“ Hansi bemerkte einen melancholischen Glanz in den Augen seines Chefs, wie wenn im Fernsehen die Wiederholung einer besonders langweiligen alten Serie lief. Dann klopfte er Hansi auf die Schulter und sagte: „Ich will auch, dass du eine beratende Funktion übernimmst, denn um ehrlich zu sein, sieht die Zukunft ziemlich schwarz aus…Wirst du mir helfen, diesen Betrieb wieder in Form zu bringen?“ Hansi sah um sich, im leeren Büro und schluckte. Nur ganz hinten, in dem hineinimprovisierten Zimmer der Praktikantin, hörte er die seltsam beruhigenden Geräusche einer Tastatur. Und plötzlich wusste er, dass er nicht gehen würde. Mit einem fast komischen Ernst in der Stimme, nahm er die faltige Hand seines alternden Chef’s und sagte mit fester Stimme: „Machen Sie sich keine Sorgen, auf mich können Sie sich verlassen!“ Dann übersiedelte er in sein neues Büro, mit Sicht auf die Donau.
Er setzte sich und wählte eine Nummer. „Hansi, stell dir vor, ich flieg morgen in die Türkei!“, sagte die Stimme am anderen Ende. „Ich werd in Umut’s Textilfabrik arbeiten!“
„Das freut mich für dich!“, sagte er „Wielange hast du jetzt eigentlich deinen Vater nicht gesehen?“ Sie schien etwas verlegen. „Ja eh, ich freu mich schon drauf alle wiederzusehen…stell dir vor, Gül ist jetzt schon das zweite Mal schwanger!“ „Wie die Zeit vergeht!“ „Ich werd mir ein bisschen was zusammensparen!“, sagte sie „Und dann komm ich wieder zurück…ein, zwei Jahre, hörst du?“ „Ich hab dich lieb.“, sagte er. „Wo bist du denn, Hansi?“ „Hier, in meinem neuen Büro.“
*Blattschneiderameisenköniginnen mit besonders großem Hinterteil, werden in Santander, Kolumbien als lokale Spezialität gereicht.

